Wie alles begann – Teil 2

Wir waren also auf dem Weg von Preston nach Berlin. Etwa 1.600 km standen vor uns. Es war ein fast sommerlicher Maiabend, als uns der dämmernde Motorway aufnahm und langsam gen Süden treiben ließ. Mann! Wie schön ist das, in seinem eignen MGB mit knapp 70 Meilen die nordenglische Einöde zu passieren! Mehr als 80 Meilen wollte ich meinem kleinen B-Motor zunächst nicht zutrauen. Ich hatte ja im Mk. I keinen Overdrive parat.

An diesem Abend hatten selbst ranzige KFC-Raststätten ihren Reiz. Spencer schien durchzuhalten – ich war begeistert und für die nächsten 36 Stunden hoch motiviert. Im alten Kassettenradio lief nur kurz die Panflötenmelodie des Vorbesitzers, wir wechselten sehr schnell auf normales Radio. Und solch ein spontaner und unüberlegter Roadtrip benötigte auch gar keinen opulenten Soundtrack. Es war schon so einfach klasse.

Später, irgendwo auf der M6 kurz hinter Birmingham beschlich Chris eine Idee: „Hey, Fabio studiert doch in der Nähe, lass uns mal anrufen!“ Gesagt, getan. Und wie es das Schicksal wollte, war der alte Schulfreund gerade damit beschäftigt, just an diesem Abend in der City von Birmingham seinen Abschluss zu feiern. Nichts wie runter von der Autobahn, umdrehen und rein ins Getümmel.

Ums kurz zu machen – wir hatten an diesem Abend noch eine ganze Menge Spaß in einem völlig überfüllten Yuppieclub mit alkoholisierten Studenten aller Nationen und den kürzesten Röcken, die ich je gesehen hatte. Und das bei überwiegend englischen Frauen… Gegen halb drei verließen wir diese unwirkliche Szenerie und schafften es trotz zunehmender Müdigkeit noch bis hinter London. Ganz in der Nähe eines Atomkraftwerks fanden wir ein reizvolles Motel mit der braunsten Inneneinrichtung des Planeten.

Der nächste Morgen begann äußerst viel versprechend. Das Frühstück bestand aus 80 Gramm pinken Cornflakes, etwas Instantmilch, einem eingeschweißten Müsliriegel und natürlich Tee. Genau richtig. Es waren dann nur noch wenige Stunden, bis wir an der weißen Steilküste Dovers ankamen. Dort trafen wir neben diversen Franzosen auch einen Schweizer, der einen dunkelroten Audi Quattro in seine Heimat exportierte. Wir waren also nicht allein.

Die Fähre kostete ein kleines Vermögen und erst später realisierten wir, dass ein Trip nach Dunkerque wesentlich schneller und günstiger gewesen wäre. Das machen wir dann beim nächsten Mal anders, wenn ein Aston nach Berlin gefahren werden soll. Wer einmal von Dover nach Calais geschippert ist, weiß, dass diese Reise schlicht keine Highlights bieten kann, weshalb ich hier mal etwas nach vorn spule.

Wir betraten am Nachmittag sonnenverwöhntes französisches Festland. An einer Tankstelle dann der Schock. Unterm Auto dampfte ein Teppich heißen Kühlmittels vor sich hin. Der Wagen lief bis dahin problemlos, ich war verwirrt, spendierte dem Kühler einen guten Schluck Wasser. Die Seven Nation Army von den White Stripes rockte derweil aus dem kleinen Monolautsprecher und wir drückten sehr fest die Daumen. Sollte die Reise hier ein Ende finden? Wieder auf der Autobahn musste sich Spencer dann zwingend entleeren. Die Pfütze war nicht von ihm und das Kühlsystem somit völlig überfüllt. Nach einigen Rülpsern Entwarnung. Weiter ging die Fahrt.

Belgien verwöhnte uns mit einsamen Landstraßen – wir hatten keine Eile. Im Viertakt meditierten wir über den Asphalt, die Sonne im Rücken und Berlin voraus. Erst weit hinter Dortmund schlug am Abend die Müdigkeit zu. Mit einem Baseballschläger! Chris wollte und sollte nicht fahren und ich war platt. Eine Raststätte auf der A2 schien die rettende Insel für den Schlaf der Gerechten zu sein. Doch schlafen im MGB ist schlicht unmöglich. Die Sitzlehnen sind fixiert und das kleine Moto Lita-Lenkrad für den Innenraum immer noch viel zu groß. Bewegungsfreiheit: Null. Es hieß also: Augen auf, und durch!

Irgendwie klappte das mit den Augen und gegen halb acht passierten wir die Stadtgrenze der Hauptstadt nahe Dreilinden. Es war geschafft. Chris fiel in Schöneberg direkt vom Beifahrersitz in sein Bett und ich fuhr nach Hause. So aufgeregt war an Schlafen aber nicht zu denken. Also lud ich mich spontan zum Frühstück beim meinen Eltern ein. Mein Vater meinte nur: „Das Ding hätte ich sooo nicht gekauft…“. Ich schon.

Weiter geht es hier.

Advertisements

2 Gedanken zu “Wie alles begann – Teil 2

  1. Das erinnert mich schwer an unsere Reise mit Mildred, unserer blauen Morris Minor Dame 😉

    Haben Euch die Leute auf der Autobahn in UK auch angehupt und zugewunken? Ich habe noch zu meiner Frau gesagt: Wenn die wüssten, daß wir britisches Kulturgut ausser Landes schaffen … 😉

  2. In der Tat hatten wir einige sehr nette Begegnungen, doch an sich fuhren wir weit unter dem Radar. Am ehesten war die Moteldame von uns zwei jungen deutschen Kerls beeindruckt, als wir morgens um vier ein Zimmer wollten. Sie hatte uns wohl andere Absichten unterstellt… Das mit dem Kulturgut war den Briten egal.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s