Eine Frage des Alters

Ich trank mit meiner Großtante – mittlerweile knappe 80 Jahre alt – am Wochenende zusammen Café, als Sie sich ganz ernsthaft darüber wunderte, dass mein „nur“ 45 Jahre altes Auto als Oldtimer gilt. „Ich dachte, dass 50 Jahre das Mindestmaß sind!“ Nein, meine Liebe – 45 ist für einen Engländer schon ein recht ordentliches Alter. Und das sind immerhin 16 Jahre mehr als bei mir. So verschieden sind je nach Sichtweise die Maßstäbe…

Wie auch immer – ich war also am Samstag wieder schrauben. Da ich mich bezüglich der Karosserie nun langsam dem Ende der Demontage nähere, standen letzte Arbeiten an: Innenraumdämmung entfernen, Dachhimmelisolierung abreißen, Karosseriestopfen entfernen und unzählige Nieten und Schrauben ausbohren. Alles ging recht problemlos, wobei speziell Dachhimmel und Fußbodenschallschutz wirklich nur unter Einsatz aller Kräfte zu entfernen waren (Hammer und Spachtel eingeschlossen). Merke: Eine Restauration eignet sich gut als Ersatz fürs Fitnessstudio.

Dann entdeckte ich noch die Metalleinlagen, die die Türscharniere in der Karoserie halten. Diese musste ich vor einigen Monaten mit ihren festgerotteten Schrauben teilweise ausbohren. Daher konnte ich sie nun nicht einfach entfernen, da sie durch die Deformation teilweise größer als die vorgesehenen Schlitze sind. Wahrscheinlich muss ich hierfür die untere A-Säule bei den kommenden Schweißarbeiten aufschneiden, um sie final zu entfernen. Drei von Ihnen befinden sich noch an Ort und Stelle. Oder hat jemand noch einen Trick parat? Zur Sicherheit habe ich mir einen „Merkzettel“ auf die A-Säule geschrieben…

Kurz davor – im Bereich des rechten Vorderwagens – entdeckte ich dabei ein kuscheliges Rattennest, oder besser: Dessen Überreste. Offenbar hatte es sich ein keiner Nager schon vor langer Zeit in dieser blechernen Sackgasse gemütlich gemacht. Nicht anders ist wohl der Haufen Kot und Heu in dem Bereich zu erklären.

Meine finale Arbeit galt neben der Demontage des Lenkrads der Lenkung, die ich vom Fahrschemel abbaute. Mehr Zeit blieb leider nicht. Die Hinterachse hatte ich schon weitgehend in Einzelteile zerlegt. Sie schlummert jetzt im Lager. Die Vorderachse soll bald folgen. Die Bilanz des Tages war also: Die Karosserie ist nur noch ein großer Haufen Blech mit einer Fülle kleiner Rostnester und Löcher, die mir vorher so nicht bekannt waren. Wen wundert’s…?

Ich bin von Mittwoch bis Sonntag beruflich auf der Messe am Bodensee unterwegs und werde dort hoffentlich ein paar Impressionen der Klassikwelt Bodensee mitnehmen können.

Und hier noch ein paar aktuelle Tipps für den geneigten Restaurator, die sich zumindest bei mir bewähren:

– Alles fotografieren: Ich mache pro Arbeitstag ca. 150 bis 200 Bilder mit einer billigen Kompaktkamera, die zur Not auch einfach kaputtgehen kann

– Kleinteile wie alte Schrauben kann man hervorragend in kleinen Plastiktüten aus der Apotheke (oder vom Drogendealer) einlagern und entsprechend beschriften – im Lager sind sie dann schnell zu finden und sauen nicht alles mit Öl und Schmutz voll

– Ein preiswertes Whiteboard erlaubt mir jederzeit Notizen (Teilebedarf etc.) und ich kann dort auch ein paar Inspirationen festpappen

– Buch führen: Ein Notizheft ermöglicht mir das Nachschlagen, wann ich welche Arbeiten durchgeführt habe – so bilanziere ich auch meine Arbeitszeiten und kann die Fotoarchive auch später noch gut zuordnen

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2 Gedanken zu “Eine Frage des Alters

  1. Ich kann Deine Tante verstehen. „Richtige Oldtimer“ haben eine noch barockere Bauform. Für manche ist nur das ein Oldtimer, was vor dem (zweiten) Weltkrieg gebaut wurde oder in der Bauform zumindest daran erinnert. Selbst BMW Isetta und sonstiges Nachkriegsgeraffel gilt dann als (allerdings sehr alter) Gebrauchtwagen. Nur weil in Deutschland ein H-Kennzeichen ab 30 Jahren nach Erstzulassung möglich ist, muss man ja noch nicht gleich alles als „Oldtimer“ bezeichnen.

  2. Zum Glück ist das überwiegend Ansichtssache und weitgehend subjektiv! „Gebraucht“ ist für mich alles, was mehr als ein oder zwei Jahre alt ist – Oldies aber eher ausgeschlossen. Nur Vorkriegsfahrzeuge sind Oldtimer? Nicht für mich. Dann wären Aston Martin DB2 oder Porsche 356 auch nur sehr „gebrauchte“ Automobile, weil sie nach dem Krieg entstanden sind.
    Die Definition des Begriffs per Optik kann ich schon ein Stück nachvollziehen, weil sich die ersten Nachkriegsfahrzeuge durch den Entwicklungssprung arg von ihren Vorgängern distanzierten – siehe bspw. Mercedes 170er (ab 1937) bzw. Ponton (ab 1953).
    Einen Golf I oder Porsche 928 als Oldie zu verstehen, fällt aber auch mir schwer. Die großen Verbände haben da aber ein paar schöne Begriffsdefinitionen hervorgebracht.
    Meine Tante hat sich übrigens bestens damit arrangiert, dass sie auch ein Oldtimer ist :-).

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