Entspannung im Akkord

Von Arbeit darf schlicht nicht die Rede sein, wenn man den ganzen Tag ungestört in der Werkstatt verbringt. Denn was ich therapeutisches Schrauben nenne ist für mich in der Tat pure Entspannung und alltagsfernes Genusswerkeln. Mein näheres Umfeld hat das nun langsam begriffen und fordert mich nicht mehr auf, das Schrauben zu unterlassen, um „…mal etwas runterzukommen“. Genau deshalb mach ich’s ja…!

Und da in den letzten beiden Tagen ob des Urlaubs wie im Akkord „entspannt“ wurde, gehen wir einfach mal der Reihenfolge nach vor:

Die Achsschenkel bekamen zunächst ihre finale Ausstattung mit neuen Schmiernippeln. Dazu musste an der Unterseite teilweise mit der Flex etwas nachgeholfen werden, um dem kleinen Gewinde genügend Platz zu verschaffen. Die bereits lackierten Teile der Vorderachse werden deshalb bei nächster Gelegenheit nochmal abschließend mit Brantho Korrux überzogen.

Als nächste Baustelle waren diverse Edelstahlschrauben dran, welche ich vor einiger Zeit etwas übermotiviert in die Vorderachse geschraubt hatte. An wichtigen Punkten habe ich mich nun doch für etwas zähere, verzinkte 8.8er Bolzen entschieden. Es fanden daher die alten Schrauben wieder den Weg vom Lager auf die Werkbank, um damit bspw. die Stoßdämpfer adäquat zu montieren. Und wenn ich schon mal an der Vorderachse bin kann ich auch gleich noch die schön spiegelnden Staubschutzbleche aus dem Regal nehmen und einbauen – dachte ich und scheiterte zunächst an den stark korrodierten Gewinden im Radträger. Dem Erfinder des Gewindeschneiders sei daher an dieser Stelle gedankt, denn damit war das Problem nach zehn Minuten schlicht nicht mehr der Rede wert.

Ich habe mich dann zunächst den alten Bremsscheiben gewidmet, sie gereinigt, vermessen und lackiert. Mit über 8 mm hatten beide Scheiben noch genug „Fleisch“, doch nach kurzem Überlegen entschied ich mich dann doch, Neuteile zu bestellen, denn: A – der liebe Herr Kischka bietet grad 20% auf Alles und… B – muss ich dann nicht schon bald die Radlager aufwändig demontieren, wenn dann doch mal eine Scheibe verschlissen ist.

An der Vorderachse gab’s damit kaum mehr etwas zu tun. Also: Hinterachse unter der Werkbank hervorgezerrt und rauf auf die Hebebühne damit! Ich hatte vor einigen Monaten bereits bei Midland viele Kleinteile für die Hinterradbremse bestellt und konnte deshalb nun aus dem Vollen schöpfen. In aller Kürze heißt das: Ankerplatten mit Bremszylinder und Einsteller versehen, Hebel der Handbremse rein, Bremsbacken und (die passenden!) Federn montieren, Gummi zum Staubschutz drauf, die Federn der Bremsbacken von hinten mit Hylomar abgedichtet, weißes Sprühfett an bewegliche Teile und ran an die Hinterachse. Was sich schnell liest hat an der linken Seite über eine Stunde gedauert, doch schon beim zweiten Versuch ging es in weniger als der halben Zeit. Erfahrung macht klug – und der Limora-Katalog mit seiner vielen Zeichnungen ist immer eine gute Hilfe…

Ein verzichtbares Highlight gab’s währenddessen beim Einkürzen einer der Handbremsfedern. Sie rutschte mir versehentlich am Schleifbock aus der Hand und wurde von der drehenden Scheibe kurzfristig auf gefühlte Überschallgeschwindigkeit beschleunigt. Plönggg!!! Wie vom Blitz getroffen schoss das Teil von dannen. Na ja, nicht ganz: Mein linker Mittelfinger war alsbald ein recht abruptes Hindernis. Ergebnis der ungeahnten Kollision: Ein kaputter Handschuh, stechender Schmerz, ein wenig Blut. An sich nicht der Rede wert, wenn es nicht die allererste Verletzung während des Projekts wäre. Nach über 300 Stunden ist das für meine Verhältnisse eine äußerst positive Bilanz. Und Indianer kennen keinen Schmerz (hmmm…) – weiter geht’s!

Die Bremsankerplatten waren also montiert. Der nächste logische Schritt war damit die Montage der hinteren Radnaben. Wieder die Kurzversion des Ganzen: Suchen, finden, reinigen, lackieren, montieren. Check – OK. Der Anblick der fast fertigen Hinterachse und meine überbordende Fantasie feierten daraufhin Hochzeit und als Geschenk für die Beiden gab’s probehalber schon mal ein Hinterrad montiert. Das sah ganz ordentlich aus und macht Lust auf mehr.

Bevor ich im Traum bereits der Hinterachse mitsamt Auto auf ungeahnten Pisten Auslauf gönnen konnte, platzte der Postbote durch die Tür und brachte heiße Ware aus dem UK. Moss hatte also wieder mal sehr pünktlich geliefert. Im Päckchen fanden sich diverse Motorteile, von denen vor allem die Lagerschalen erwähnt werden müssen. Hier gibt es sagenumwobene Teile aus Altbestand (NOS – New Old Stock), welche wesentlich bessere Qualität heutiger Teile haben sollen. Vandervell oder AE nennen sich die heiligen Kühe, welche womöglich wirklich besser, aber mir mit über 300 € einfach zu teuer sind. Im MGDC-Forum gibt’s einen kurzen Thread zum Thema. Ich habe mich unterdessen für die „Heavy Duty“-Version von King entschieden und werde das hoffentlich nie bereuen.

Nachdem alle neuen Teile eingelagert waren ging’s ins abendliche Finale. Moss hatte nämlich auch die Einstellscheiben für die vorderen Radlager geliefert. Das Set besteht aus sieben Scheiben: .003, .005, .010 und .030“. Nach Recherchen im Netz war ich einigermaßen gut für die Arbeit gewappnet. Ich begann an der linken Seite und installierte zunächst zaghaft zwei der dünnsten Scheiben, welche noch schlanker als ein Blatt Papier sind. Der Anleitung zufolge zog ich die Nabe danach mit ca. 54 Nm fest. Resultat: Nichts dreht sich. Also musste mehr Distanz geschaffen werden. Schritt für Schritt spendierte ich deshalb einen Shim nach dem anderen. Im Endeffekt war die Kombination aller sieben Scheiben die perfekte Lösung für die linke Seite.

Rechts verlief es dann etwas anders. Ich wählte eine willkürliche Shimkombination und lag sofort richtig. Ein Zufallstreffer, der durch Weglassen der dünnsten Scheiben noch überprüft wurde. Erstaunlich, was wenige Hundertstel eines Millimeters ausmachen können! Unterm Strich kann also jeder diesen Job machen und die Freude folgt unmittelbar, wenn die Radlager am Ende sauber und spielfrei laufen. Beachtet werden muss dabei nur, dass die Radnabe am Ende so montiert ist, das man auch noch den Sicherungssplint einbauen bzw. später entfernen kann. Dass meine Radnaben bei der Demontage vor zwei Jahren gar keine Shims, dafür aber ordentlich Spiel aufwiesen sei hier nur eine kleine Randnotiz…

Nun hatte ich schon viele Erfolgserlebnisse, wollte den Tag aber noch krönen. Wie? Mit dem Vorbereiten des Rumpfmotors. Zum einen habe ich noch begonnen, ihn mit Molto-Abbeizer – einem türkisen Gelee – zu entlacken. Zum anderen ging’s den Gewinden der Kurbelwellenlagerschalen an den Kragen, denn diese wurden zuvor ziemlich geschunden. Dreh um Dreh lief der Gewindeschneider besser im Öl und letztlich konnte auch hier ein weiterer Haken gesetzt werden.

Um kurz nach Zehn war damit das Ziel erreicht – und ich fertig. Bemerkenswert, wie anstrengend Entspannung sein kann… 😉

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2 Gedanken zu “Entspannung im Akkord

  1. Birkenholz finde ich eine gute Wahl ;-)…die Wahl der Reifen weniger…es geht doch nichts über die bauchige Optik der Vredestein Classic’s…wiederum aber mal reingeschaut und selbst die Fotos sind ein sorgfältiger Genuss…bis bald und beste Grüsse aus der Schweiz…Felix

    PS: bei mir sind diesen Winter mal die Fahrwerksbuchsen dran, höchstwahrscheinlich auch noch Erstgummi’s wie das Reserverad 😉

  2. Keine Angst, Felix – die Reifen müssen nur als Dummies herhalten, sind schon 11 Jahre alt und daher steinhart. Spencer bekommt sicher frische Sohlen, wenn er auf eigenen Rädern steht… 🙂 Dir viel Spaß beim Winterbasteln! Sven

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